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Harfen-Solistin

Silke Aichhorn

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Foto: Sven-Kristian Wolf

Die musikalische Magie, die in Silke Aichhorn‘s Konzerten entsteht, ist nicht zufällig so einzigartig verzaubernd. Sie hat diese lange vorbereitet – über Jahre, über Entscheidungen, über Disziplin und noch größerer Leidenschaft für eines der ältesten Instrumente der Menschheit. Denn eine Harfe zu spielen, wie sie es kann, ist hart und unbequem.

 

Äußerlich wirkt ihre Konzertharfe wie ein Möbelstück. 185 Zentimeter hoch, 40 Kilo aus Holz, Metall und 47 Saiten. Es mag wie eine romantische Versenkung in die Schönheit der Musik wirken, wenn Silke Aichhorn sie zupft. Doch das Bild kippt, sobald man mehr über ihr Harfenspiel erfährt. Was vielleicht erst auf den dritten oder vierten Blick auffällt: Die Füße, sie arbeiten. Die Pedale an der Unterseite des Instruments sind im stetigen Auf und Ab. Der Rücken, der sich verdreht. Die Augen, die ständig suchen. „Harfe spielt man nicht intuitiv. Es gibt nur Kontrolle“, präzisiert Silke Aichhorn. „Man muss üben wie ein Wolf!“ Mit den Fingern. Mit den Füßen. Extreme Geschwindigkeit. Pedalbewegungen, manchmal 40 in 12 Sekunden. Nur dann entsteht die Klangvielfalt, mit der Silke Aichhorn regelmäßig ihr Publikum verzaubert. Erdig, tief, sanftes Grollen aus den unteren Registern. Filigrane Töne wie feine Tropfen je höher sie die Saiten zum Singen bringt.

 

Groß gewachsen, von schlanker Figur und mit langem, brünettem Haar mag sie dem Klischee der attraktiven Harfenistin tatsächlich entsprechen. Obendrein ist sie unglaublich bodenständig, an- wie zupackend und enorm humorvoll. Ersteres erleben Veranstalter und Auftraggeber tagtäglich. Zu jedem ihrer Konzerte fährt Silke Aichhorn - bis zu hunderten von Kilometern - ganz unprätentiös ihr Instrument selbst mit dem Auto vor. Den Humor schätzt vor allem ihr Publikum, wenn sie ihre Solo-Auftritte unterhaltsam moderiert, ihre Harfe sowie ihre Erlebnisse mit dieser amüsant kommentiert. Unter dem Titel „Lebenslänglich Frohlocken“ hat sie sogar zwei Bücher mit zahlreichen Anekdoten gefüllt. Ein drittes ist bereits in Arbeit. Ihre Fans wollen mehr, mehr, mehr.

Foto: Sven-Kristian Wolf

Silke Aichhorn‘s Diskographie zählt mittlerweile 34 CDs, zwei Bücher und mehr als 400 Videos auf Youtube. In der internationalen Harfenszene ein absolutes Alleinstellungsmerkmal. Anfang des Jahres startete sie obendrein die „Harpchallenge“ auf Social Media: 365 Tage lang postet sie täglich ein neues Harfen-Stück. Was simpel klingen mag, ist tatsächlich die Erschließung von weltweitem Neuland. Wieder so ein typisches Markenzeichen von ihr. Silke Aichhorn hat den unbedingten Willen, auf der Harfe Neues und Unbekanntes zu spielen. Sie sucht sich die Noten für andere Instrumente, transkribiert sie, richtet diese auf die Harfe ein, erprobt die Spielbarkeit. Denn: Die großen deutschen Komponisten – Johannes Brahms, Robert Schumann, Franz Schubert oder Joseph Haydn – haben alle keine Musik für die Harfe geschrieben. Ludwig van Beethoven nur ein Mini-Stück, vereinzelt gibt es Stücke von unbekannten Komponisten. Bekanntes stammt von den beiden namhaften Franzosen Claude Debussy und Maurice Ravel. „Im Frankreich des 19. Jahrhunderts galt es als schick, eine Harfe im Salon stehen zu haben und die höheren Töchter darauf spielen zu sehen“, erzählt Silke Aichhorn. „Die Impressionisten liebten wie man weiß Farbigkeit, auch die Klangfarben der Harfe.“

 

Der Logik folgend war es für Silke Aichhorn nie eine Option, sich einem Orchester anzuschließen: „Ich will nicht lange warten. Ich will spielen“, gibt sie unumwunden zu. „Ich will zeigen, was mein Instrument kann. Im Orchester hätte ich zu wenig zu tun, weil es nur wenig Stücke gibt. Wenn die Harfe dann mal musikalisch eingebunden ist, ist der Einsatz oft nur kurz und meist nur, wenn das gesamte Ensemble spielt.“ Das war keine Karriereentscheidung im klassischen Sinn. Es war eine Geschwindigkeitsentscheidung. Eine Entscheidung für die Leidenschaft. Für die eigene Präsenz: „Ich wollte immer nur Solo-Künstlerin sein“, betont sie fest. Eine Entscheidung, die sie auf ein Privat-Konzert bei Papst Benedikt XVI. im Vatikan und diverse Uraufführungen beim alle drei Jahre stattfindenden Weltharfenkongress zurückblicken lässt.

 

Hongkong, Brasilien, Japan, Australien. Weltharfenkongresse. Hier trifft sich regelmäßig die Elite der internationalen Harfen-Szene zur Leistungsschau. Im Jahr 2014 präsentierte Silke Aichhorn in Sydney ein Harfenkonzert von Ernst Eichner als Uraufführung. Ein Stück von einer ihrer CDs. Sie hatte es als allererste Solo-Künstlerin editiert und für die Harfe spielbar gemacht. Ähnliches performt sie ebenfalls bei den folgenden Weltkongressen. Doch dieses eine Jahr war ganz besonders: Es wartete eine überraschende Nachricht auf ihrem Anrufbeantworter. „Das Büro von Papst Benedikt XVI. teilte mir mit, dass der Papst sich freuen würde, mein Spiel zu hören und wann ich denn könne“, erinnert sich Silke Aichhorn. Sie überlegte sich ein Programm, flog mit ihrem Lieblingsflötisten Prof. Dejan Gavric nach Rom. „Es war irre schön.“ Ihre Musik in ehrwürdiger Kulisse. Vatikanische Gärten bei Vollmond. Schweizer Garde am Wegesrand. Als Geschenk brachte sie Papst Benedikt XVI. Weißwürste vom Metzger daheim aus Traunstein mit. Total logisch für die bodenständige Urbayerin: „Papst Benedikt XVI. hat in Traunstein seine Primiz gefeiert.“

  

Wer Silke Aichhorn nach ihren musikalischen Anfängen und ihrer ersten Begegnung mit der Harfe fragt, erfährt keine Anekdote: „Ich deute immer nur nach oben“, sagt sie. „Die Harfe wurde für mich ausgesucht.“ Sie kann es beim besten Willen nicht sagen, wie sie auf die Idee kam, dieses Instrument zu spielen. Sie erinnert sich nur: „Als ich mit zehn Jahren zu meiner Mutter sagte, ich wolle spielen, meinte sie nur, ich spinne.“ Mit knapp zwölf bekommt sie das Instrument endlich zu Weihnachten. Dazwischen liegt kein programmierter Lebensplan, sondern ein Alltag, der voll ist: Große Schwester in einer Familie mit sechs Geschwistern, Helfen, Verantwortung, Bewegung. Klavier spielt sie bereits. Sie macht Sport, singt im Chor, macht die Schülerzeitung – alles gleichzeitig, nichts halb. Nach der Weihnachtsgabe läuft sie zur Musikschule in Traunstein. Ihre Lehrerin, Professorin Ursula Lentrodt, muss nicht lange überlegen, stellt schon in der dritten Unterrichtsstunde fest: „Du wirst mal eine Harfenistin.“

 

Die Zukunftsaussichten, die in dieser Feststellung steckten, verhallten vorerst noch. „Ich habe zu wenig geübt, hatte zu viel Ablenkung“, gesteht Silke Aichhorn. Ihre Begabung aber, ihr Talent, setzte sich durch. Es folgte die Empfehlung zum Studium. Sie spielt vor, wird Schülerin bei Chantal Mathieu, zieht in die Schweiz und studiert am Conservatoire de Lausanne. Geld dafür hat sie nicht. Sie verdient es sich: Als Verkäuferin beim Bäcker oder bei der Obsternte. Schnell ergattert sie eine Musikschulstelle. „Ich konnte mich nach einem Jahr selbst finanzieren. Mit Nachwuchs-Unterricht. Oder ich packte mein großes Instrument in meinen Fiat Uno, spielte abends in Hotels. Jede Woche hatte ich mehrere Konzerte.“ Nicht nur von diesen Erinnerungen zehrt Silke Aichhorn noch heute: „So habe ich mir schnell ein großes Repertoire raufgeschafft.“ Unvergessen blieb auch, dass ihre Professorin sie das Harfenspiel komplett von Null neu erlernen ließ: „Nach acht Jahren Übung. Finger für Finger. Alles neu. Eine komplett neue Technik.“ So unbequem dies war, Silke Aichhorn ist dankbar dafür: „Ich bin rhythmisch, kann Noten lesen, bin begabt. Das alles ist ein Geschenk. Man muss aber etwas mit seiner Begabung tun. Zuallererst den inneren Schweinehund überwinden. Dieser konsequente Weg legte die Basis für mein musikalisches Tun.“ Der führte Silke Aichhorn für einen weiteren Feinschliff zu Han-An Liu, damals Solo-Harfenistin bei den Münchner Philharmonikern. Ausbildung von Ton zu Ton.

Foto: Joachim Müller

Die Töne, die wie ein Ereignis bei Silke Aichhorn einen Raum erfüllen. Die unmittelbar entstehen. „An der Harfe wird nicht gestreichelt oder gezirpt. Ich schieße kleine Pfeile ab“, macht sie klar. „Wie stark ich die Saiten spanne, wie schnell ich diese loslasse, welche ich über die Pedale umstelle – das entscheidet über die Farbigkeit des Klangs.“ Bis zu 1,5 Tonnen Zugspannung liegen auf ihrem Instrument. Es ist sehr athletisch. Der typische Harfenzauber, ein fließendes, wellenartiges Klanggewebe, das sich ausbreitet wie ein zarter Schleier, ist nur über komplexe Wege erreichbar. Gespielt wird die Harfe übrigens nur mit acht statt mit zehn Fingern. Die kleinen sind zu kurz. Das Umblättern der Noten auf ihrem iPad übernimmt dann der linke Fuß. Silke Aichhorn tippt quasi als achtes Pedal auf einen Pageflip am Boden.

 

Ihre Kunst gibt sie zu gerne weiter. Inzwischen hatte Silke Aichhorn mehrere Lehraufträge inne. Unter anderem am Landeskonservatorium Feldkirch/Vorarlberg oder an der Hochschule für Musik Mainz: „Ich unterrichte seit meinem 15. Lebensjahr.“ Sie liebt es, Kindern ihr Instrument näher zu bringen. Gern fährt sie an Schulen, lässt die Kleinen ihr Instrument anfassen, es ausprobieren. „Unter 1000 Kindern ist eines dabei, da sehe ich sofort, da passiert etwas Magisches. Jetzt verstehe ich, was meine erste Musiklehrerin damals bei mir gespürt hat. Das berührt mich immer sehr.“ Seit 2016 ist Silke Aichhorn Geschäftsführerin des Regionalwettbewerbes „Jugend musiziert“ in Südostbayern. Für ihr leidenschaftliches Arbeiten wurde sie als „Kultur und Kreativpilotin“ von der Initiative Kultur- und Kreativwirtschaft der Bundesregierung ausgezeichnet. Dieses Jahr, beim Weltharfenkongress im kanadischen Toronto, wird sie internationalen Kolleginnen in dem Workshop „Let The Harp Sing“ Tricks ihrer ausgefeilten Technik verraten.

 

Kaum verwunderlich, dass eine Konzert-Harfe in Silke Aichhorns Fingern im Schnitt lediglich sieben bis acht Jahre hält. „Dann ist sie ausgeleiert, weil ich mein Instrument einfach so viel spiele und transportiere.“ Diesen Partner auf Zeit wählt sie sorgfältig aus. „Erst beim Spielen fühle ich, dass es mein Baby ist.“ Den Fehler einer Maßanfertigung hat sie ein einziges Mal gemacht und teuer bereut. „30.000 Euro für ein schlechtes Instrument.“ Heute spielt sie ein Modell der weltweit führenden Harfen-Manufaktur „Lyon & Healy Harps“ aus den USA. Sie sucht aus, spielt, entscheidet. Über die perfekte Basis für ein meisterliches Spiel.

 

„Gehen Sie in ein Live-Konzert und tun Sie etwas für Ihre Gesundheit.“ Diesen Satz gibt sie gern am Ende ihrer humorvoll moderierten Konzerte zum Abschied auf den Weg. „Studien haben belegt: Im Moment des Live-Hörens wird Oxytocin ausgeschüttet, das sogenannte Kuschel-Hormon.“ Es fördert soziale Bindungen, Vertrauen, Empathie und baut Stress ab. Eine Aussage mit Nachhall. Wie die Harfe, die auch nie abrupt endet. Deren Klänge verweilen, nachschweben und sich langsam in der Luft verteilen, für eine bleibende Erinnerung.

Silke Aichhorn gehört zu den außergewöhnlichsten Harfen-Solistinnen der Welt. Kaum eine Harfenistin hat das Repertoire ihres Instruments so konsequent erweitert wie sie. 

Ihre Harfe klingt nicht einfach – sie entfaltet sich. Wenn die Fingerspitzen von Silke Aichhorn die Saiten berühren, breitet sich der Ton aus. Ein Aufblühen von Schwingung. Scheinbar mühelos wie ein Sonnenstrahl, der über eine Wasseroberfläche gleitet. Stets mit feinem Nachhall, wie bei einer Erinnerung. Und überraschend, weil diese Virtuosität kaum jemand erwartet hat. Mal füllt sie den Raum mit Freude, mal mit Dramatik, Spritzigkeit, Besinnlichkeit oder Lebenslust. Im Klassik-Stil genauso wie swingend oder jazzig. Silke Aichhorn ist Harfen-Solistin. Sie gilt als eine der weltweit aktivsten. Mit beeindruckend vielfältigem Repertoire.

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